Ein abruptes Ende
Liebe treuen Leserinnen und Leser meines Blogs,
vielleicht vermuteten oder wissen es ja einige unter euch schon, aber jetzt ist es offiziell: Mein Einsatz in Kamerun ist vorzeitig beendet worden und am Montag dem 16. März 2020 kam ich mit einem der letzten Austrian Airlines Flüge aus Brüssel in Wien an. Ich schreibe euch erst jetzt, weil ich mir die letzten Tage Zeit nehmen wollte das Erlebte zu verarbeiten und etwas zu reflektieren.
Am Freitag dem 13. März erhielten wir den Anruf, dass aufgrund der derzeitigen internationalen Coronakrise alle Volontäre im Ausland zurück nach Österreich geholt werden. Damals hieß es noch, dass die Rückreise frühestens am Dienstag dem 17. beginnen würde. Bald schon stellte sich jedoch heraus, dass die Ausreise wohl noch abrupter sein wird müssen und so flogen wir schon am Sonntag Abend. Es war kaum Zeit für Abschied und große Sentimentalitäten. Das Leben fühlte sich an, als würde es ohne meinem Zutun an mir vorbeiziehen und ich auf die machtlosen Ränge eines Zuschauers verbannt worden sein. Alles ging viel zu schnell.
Trotzdem soll dieser Text mir und auch euch eine Gelegenheit bieten, meinen ganzen Kamerun Aufenthalt mit samt seinen Erlebnissen und Erkenntnissen Revue passieren zu lassen:
Am 19. August 2019 stieg ich nichts ahnend und voller kribbliger Aufregung in ein Flugzeug, um für die kommenden zehn Monate ein einem anderen Land Englisch zu Unterrichten und Mathe und Physik Nachhilfe zu geben. Ich wusste noch nicht, wie sehr mich diese Zeit fordern würde.
Tatsächlich war der Englischunterricht und die Nachhilfe nur ein kleiner Teil. Mehr forderte mich, mich in dieser sehr verschiedenen Umgebung zurecht zu finden. Ich war darauf angewiesen das Einende und nicht das Unterscheidende zu suchen und mir so die Menschen und die Kultur zu erschließen. Das war nicht immer einfach und auch die sehr katholische Umgebung stellte für mich eine Herausforderung dar.
Als meine eigentliche Hauptaufgabe sah ich es, den Internatsschülern und Kindern im Jugendzentrum eine vertrauenswürdige Ansprechperson von außen zu werden. Es war mir wichtig, ihnen eine weitere Perspektive beziehungsweise einen anderen Blickwinkel zu vermitteln. Auch in der Radiosendung, die wir jeden Sonntag aufzeichneten, war das eine Hauptmotivation. Mein kleiner Versuch eine Brücke zwischen diesen beiden Welten zu bauen, lief oft darauf hinaus, am Abend bei Gesprächen noch etwas sitzen zu bleiben und zuzuhören. Viele Beziehungen entstanden erst nach fünf Monaten und umso trauriger ist der verfrühte Abschied, der dem ganzen Projekt eine vorzeitiges Ende setzte.
So bleibt mir in Wien jetzt nur noch die Frage: Was habe ich gelernt? Denn eines ist klar, am meisten lernte ich selbst durch meinen Einsatz. Das beginnt bei kleinen Dingen wie körpersprachlichen Unterschiedlichkeiten und endet bei einem anderen gesellschaftlichen Zusammenleben. In diesen sieben Monaten wurde ich mehr mit mir selbst konfrontiert als in meinem ganzen vorigen Leben. Eine der größten Erfahrungen war, sein eigenes Wertebild in einer anderen Umgebung hinterfragt zu sehen. Es war teilweise eine Gratwanderung zwischen dem Beibehalten beziehungsweise Respektieren der eigenen Werte und Ansichten und dem Integrieren in diese neue Umgebung.
Ich lernte, mich auf Französisch zu wehren, wenn mir was nicht passte, aber auch die Aufmerksamkeit meiner Schüler mit einem Witz wieder auf mich zu ziehen. Ich lernte ein Mototaxi zu rufen und am Markt eine Stunde um fünf Euro zu verhandeln. Am wichtigste jedoch lernte ich, dass unsere Unterschiede oftmals nur kleinere Oberflächlichkeiten sind verglichen mit den Dingen, die uns einen.
All diese Erfahrungen und Erlebnisse werde ich ab jetzt für den Rest meines Lebens in mir tragen. Dafür möchte ich Danke sagen. Danke an alle, die das ermöglicht haben, alle die mich unterstützt und die mir geholfen haben, sei es finanziell oder durch lange Telefonate, wenn mal wieder etwas nicht so klappte wie ich mir das vorgestellt habe.
Nächstes Jahr werde ich wahrscheinlich technische Physik studieren. Trotzdem bleibe mit dem Institute Téchnique Don Bosco weiter in Kontakt und bin gerade dabei ein Brieffreundschaftsprojekt mit meiner alten Schule ins Leben zu rufen. Ich habe auch vor, auf dieser Webseite in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen kleine Texte zu veröffentlichen. Vielleicht ja eine paar Buchrezensionen oder einen Technikartikel je nach dem was mich gerade beschäftigen wird. Zudem werde ich noch ein Fotoalbum mit Bildern aus Kamerun posten – dann war es das einmal vorerst mit dem Blog bezüglich meines Einsatzes.
Alles Liebe und vielen Dank,
Euer Xaver
PS.: Ich würde mich sehr über Feedback freuen! Wer bei dem Brieffreundschaftsprojekt mitmachen will, soll mich nur anschreiben und der Einsatz kann immer noch finanziell unterstützt werden.